So weit der Alltag reicht

Jan
14
2022

So weit der Alltag reicht

Fotografie, Radierung, Siebdruck, Monotypie und Cyanotypie

Retrospektive anlässlich des 70. Geburtstags

Ausstellung
Vernissage Freitag 14. JAN 2022 – 19 Uhr
14.01.2022 – 30.01.2022
Ausstellungsraum EULENGASSE
Aspekte, Rezensionen und Meinungen freier Autor*innen
Daten
14.01.2022 – 30.01.2022
So weit der Alltag reicht
Fotografie, Radierung, Siebdruck, Monotypie und Cyanotypie
Veranstaltungsort
Ausstellungsraum EULENGASSE
Seckbacher Landstr. 16, 60389 Frankfurt am Main
Organisation
Kunstverein EULENGASSE e.V.
WEITERE INFOS
Vernissage Freitag 14. JAN 2022 – 19 Uhr



Beteiligte Künstler*innen


»Je allgegenwärtiger das Bild, desto blinder werden wir für seine Bedeutungsebenen«. Vielleicht schätzt Bero Blumöhr die Gründerin der Dresdner Fotografieschule ‚Shift‘ Kristin Dittrich auch gerade für Sätze wie diesen. Denn als international Forschende und Lehrende erachtet sie die Fotografie als entscheidendes Zugangsmedium zu vielen verschiedenen Themenfeldern – von Kunst und Philosophie über Gedächtnisforschung und Zeitgeist bis hin zu Biografiearbeit.

Kristin Dittrich ist für Bero Blumöhr zur wichtigen Mentorin geworden, denn den Blick zu öffnen ist auch in seiner künstlerischen Arbeit zentral. Nicht zuletzt deshalb, da er aufgrund einer seit Kindheit bestehenden schweren Hörbehinderung einen umso feineren Fokus auf das visuelle Feld richtet. Dieses breitet er vor allem durch variantenreiche Fotografie- und Videoarbeiten aus.

Sein Augenmerk legt Bero Blumöhr auf die Besonderheiten des Alltags. Dabei erweist er sich ganz im Sinn klassischer Straßenfotografie als genauer Beobachter, als ‚Fotoflaneur‘. Nicht von ungefähr ist für ihn der amerikanische Schwarzweiß-Fotograf Ralph Gibson ein Vorbild. Und mehr noch der Franzose Henri Cartier-Bresson: Ihn bezeichnet Bero Blumöhr als ‚Bruder im Geiste‘.

Dies wird deutlich, wenn dem Künstler beispielsweise nicht nur ein Rabbi auf dem Gehweg auffällt, sondern sofort auch das zunächst unscheinbarere Plakat mit durchgestrichenem Hakenkreuz vor ihm auf dem Boden – da drückt Bero Blumöhrs Sinn für Situationen den Auslöser im richtigen Moment wie von selbst. Und wenn im indischen Goa eine heilige Kuh wie selbstverständlich in einem geschmückten Kleintransporter vorbeigefahren wird, hält der Künstler dies in einem Kurzfilm fest: die flirrende Hitze, dazu die für Ausländer skurril wirkende Situation – seine Kameraführung fängt genau diese Atmosphäre ein.

Sein Können hat Bero Blumöhr nicht durch eine akademische Ausbildung erworben. Die Affinität bestand von Anfang an: Als kleines Kind in den 60er Jahren war seine erste Kamera eine ‚Agfa-Click‘. Es folgte die erste Spiegelreflexkamera vom gesparten Lehrlingslohn, die er noch immer besitzt. Seitdem hat der Künstler mit vielen weiteren Modellen gearbeitet – das Spektrum reicht von der Lochkamera über Leica, Modelle von Sony, Olympus und Pentax inklusive verschiedenster Objektive bis hin zum Smartphone.

Können erwirbt man jedoch nicht allein durch Affinität zum Medium. Maßgeblich für künstlerische Weiterentwicklung sind immer auch wichtige Begleiter. So hat Bero Blumöhr in den 1980er Jahren vom Kunstfotograf Erich A. Kremer viel über analoge Schwarzweiß-Fotografie gelernt. Vom Dresdener Fotograf Hans-Jürgen Diener, der bereits lange in der DDR fotografierte, stammt wichtiges Wissen über analoge und digitale Kameratechnik. Drucktechnische bzw. zeichnerische Kompetenzen kamen schließlich durch Alfonso Manella, Martina Stock und Jarosław Grulkowski hinzu.

Heute arbeitet Bero Blumöhr größtenteils digital. Wenn er gelegentlich analog fotografiert, belichtet und entwickelt er seine Motive stets selbst. Auch darüber hinaus ist seine künstlerische Arbeit sehr handwerklich geprägt. So übersetzt er seine Fotografie-Motive nicht selten in verschiedene andere Medien, etwa Radierung, Siebdruck, Monotypie und Cyanotypie. Durch solche ‚Erweiterungen‘ seines fotografischen Werkes stellt der Künstler bestimmte Motiv-Aspekte akzentuierter heraus – wenn sich etwa die Linienführung schlanker Architekturmotive durch eine Radierung mit umso feineren Linien betonen lässt. Selbst die ungewöhnliche Kombination aus Fotografie und Kohlezeichnung wird unter seiner Hand zur stimmigen Verbindung.

Überhaupt ist das Experimentieren charakteristischer Bestandteil von Bero Blumöhrs künstlerischer Arbeit: »Motive einfach nur abzufotografieren oder zu filmen finde ich oft zu banal«. Daher nutzt der Künstler neben klassischer Farbraum-, Farbkurven- und Schärfeneinstellung auch Techniken wie Langzeitbelichtungen bei bewegter Kamera sowie Spezialobjektive und Filter. Bisweilen bezieht er auch Bildmaterial von Flohmärkten in seine Arbeit ein und stellt es in neue künstlerische Kontexte. So entstehen neben realistisch abbildenden eher dokumentierenden Werken auch malerisch anmutende Fotografien und Video-Arbeiten – beispielsweise Videos, deren Motive in grobe grell-farbige Flächen aufgelöst sind, ähnlich der Optik einer Wärmebildkamera.

Wer bildgebend arbeitet, muss nicht nur mit der Technik hinter der Linse gut umgehen können, sondern auch mit den Motiven davor. Wenn es sich dabei um Personen handelt, kann es schon mal spannend werden. So entdeckte der Künstler beispielsweise einmal einen interessanten Fassadenhintergrund und wartete mit dem Auslösen, bis dazu passend gekleidete Personen vorbeiliefen. Manche forderten empört, das Bild sofort zu löschen. Doch mit Gespür und Empathie erklärte Bero Blumöhr den Kontext – und mit ratlosem Kopfschütteln gingen die Personen weiter. Ähnlich, wenn der Künstler Gebäude ablichtet. Da wurde schon mit der Polizei gedroht, obwohl er nur von weitem fotografierte. Sehr nah dagegen ging es bei einem Fotografie-Projekt über Tätowierungen zu: Das tätowierte weibliche Modell behielt die Unterwäsche an, was das künstlerische Auge jedoch sehr störte. Auch hier zahlte sich Bero Blumöhrs Draht zu Menschen aus: »Nach ca. einer Stunde war sie bereit, sich ohne Kleidung zu zeigen«. Gutes Fotografieren bedeutet eben auch gutes Kommunizieren.

Neben Tatoo-Studio und vibrierendem Goa filmte und fotografierte Bero Blumöhr bereits an den unterschiedlichsten Orten – »auch unter Wasser, wenn es sein muss«. Und es musste, denn nach Mauritius kommt man schließlich nicht alle Tage. Lediglich aus der Luft, außer aus dem Flugzeugfenster, hat er noch keine Aufnahmen gemacht. Ein Fallschirmsprung mit Kamera scheint demnach nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Es sind weniger Objektaufnahmen als vielmehr Orte, die sich als Thema durch Bero Blumöhrs Werk ziehen. Ob der filmische Blick aus einem fahrenden Auto in bunt-verfremdete Umgebung, Passanten vor besonderem Hintergrund oder die Haut als Ort, ja Landschaft, für künstlerische Tatoo-Gestaltung: Der Künstler zeigt Motive und Szenen im Zusammenspiel mit ihrem Umfeld.

So besitzt Bero Blumöhrs Werk das Potenzial, das Sehen in Zusammenhängen zu vermitteln, ja zu bewahren. Wichtiges Rüstzeug – gerade in einer Zeit der Vereinzelung, in der von einem schnellen Erfolg zum nächsten gestrebt, von einem To-do zum nächsten gedacht wird und größere Zusammenhänge zunehmend aus dem Blickfeld geraten.

»Je allgegenwärtiger das Bild, desto blinder werden wir für seine Bedeutungsebenen«. Bero Blumöhr setzt der schnelllebigen Bilderflut besondere Bilder entgegen: die alltäglichen, die persönlichen, die pointierten, die bedachten. Wer könnte dafür einen geschulteren Blick mitbringen als jemand, der fast schon ein ganzes Leben lang auf seine Augen hört.

Daniel Scheffel

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